Essstörungen und Kindheit

In der Vergangenheit graben - Segen oder Fluch?

Viele Therapeuten graben unermüdlich in der Kindheit ihrer Patienten herum, als ob darin die ganze Lösung des Problems liegt. Ich halte dies für falsch. Für mich liegt darin auch die Gefahr, dass die Betroffene endlich einen "Schuldigen" gefunden hat, der für die ganze Misere verantwortlich ist: "Hätten meine Eltern, Verwandten, Großeltern (oder sonst wer) sich richtig verhalten, wäre aus mir nicht eine psychisch kranke Frau geworden." Im Grunde entfernt dieses Denken die Betroffene von Personen, die ihr womöglich Kraft und Halt geben könnten.

 

Natürlich ist es wichtig zu wissen, wie man zu dem Menschen geworden ist, der man heute ist. Und ein ganz wesentlicher Teil dieser Entwicklung findet in der Kindheit bzw. im Jugendalter statt. Unsere Eltern oder andere Bezugspersonen prägen uns in dieser Zeit wie kein anderer Mensch in unserem Leben.

 

Was soll ein Blick in die Vergangenheit dann bezwecken?

Stell dir vor, du hast dir eine schlimme Erkältung zugezogen. Was bringt es dir, zu überlegen, wie es dazu kam, dass du dich erkältet hast? An der Tatsache das du krank bist, ändern diese Überlegungen ja auch nichts mehr. Trotzdem hat es einen Nutzen: Nehmen wir an, du erinnerst dich daran, dass du vor zwei Tagen ohne Schal und Jacke draußen rumgesprungen bist und ein leichter, kühler Wind wehte. Oder du erinnerst dich daran, dass du die Klimaanlage im Auto permanent aufgedreht hattest. Hat jetzt der Wind, oder die Klimaanlage schuld an deiner Erkältung? Wohl kaum....

 

Wie wird nun aber diese Erkenntnis dein Verhalten in der Zukunft beeinflussen? Wärst du nicht in Zukunft vorsichtiger und würdest eher mal einen Schal ranmachen, oder die Klimaanlage ausgeschaltet lassen?

 

So ist es auch mit dem Blick in die Vergangenheit. Dieser Blick soll dir helfen zu erkennen, welche Einflüsse auf dich gewirkt haben und auf welche du "anfällig" reagierst. Nicht die Einflüsse an sich sind schuld - sondern die Tatsache, dass du auf sie anfällig reagiert hast, oder reagierst. Daran kannst du durchaus etwas ändern. Du weißt nun, wie du dich besser schützen kannst. Du kannst diesen Einflüssen zwar nicht immer aus dem Weg gehen, aber du kannst Strategien entwickeln, die dir helfen werden, in Zukunft unbeschadet und ohne einem gestörten Essverhalten, damit umzugehen. Der Blick in die Vergangenheit - er ist dann nützlich, wenn er aus dem richtigen Beweggrund geschieht: Sich selbst besser kennenzulernen und persönliche "Gefahrenstellen" zu meiden. Nicht aber, um anderen die Schuld zuzuschieben.

"Die Vergangenheit ist dein Lehrer für die Zukunft"

Wie ist deine Meinung?

Inwieweit hilft dir der Blick in die Vergangenheit?

 

Welche "Lehren" konntest du für dich daraus ziehen?

 

Schreibe mir einfach deine Meinung....


Mirjam Kettner

beratungsgespraeche-fuer-frauen.de


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Kommentare: 3
  • #1

    Nuni (Dienstag, 31 Januar 2017 16:12)

    Also - ich denk schon, dass es wichtig ist, herausfinden zu wollen, weshalb man erkrankt ist. Im Sinne eines Hinschauens und wahrhaben können. Sie sagen in dem Artikel, dass es nicht darum geht, Schuldige zu finden. Da stimme ich teilweise zu. Denn - Missbrauch wie Sexualübergriffe, Gewalt,... sind meiner Ansicht nach sehr wohl Dinge, denen man den Namen SCHULD geben darf.
    Ebenso sprechen Sie davon, keinen Schuldigen finden zu wollen. Sagen aber- nicht dke Einflüsse sind schuld, sondern der Umgang der Erkrankten damit. Bürden damit den Essgestörten diese Schuld auf, die sie vom umfeld nehmen wollen. Sinnvoll? Ich glaube nicht. Also sind die Erkrankten alle selbst Verursacher. Nun ja. Geben somit dem Vergewaltiger Recht, wenn er meint, ihn treffe keine Schuld, zb.
    Überhaupt- sollte es denn nicht mehr um ein verstehen gehen als um die von Ihnen vielfach genannte Schuld?

  • #2

    Dani (Dienstag, 31 Januar 2017 17:01)

    @nuni es geht vielmehr um Vergebung, nicht um Schuldzuweisungen. Sich selbst vergeben, dass man früher nicht anders kompensieren konnte und verstehen, warum es überhaupt etwas zu kompensieren gab. Danach arbeitet man optimalerweise daran, mit der Vergangenheit abzuschließen, denn auch potenziale Täter konnten nicht anders, sie waren selbst mal Opfer und sind zu Tätern geworden. Wenn man dann Mitleid für den Täter empfinden kann, ist nicht nur die Kette gebrochen, sondern du als Opfer bist als einzige an der Sache gewachsen und kannst dich weiterentwickeln ohne selbst zerstörende Verhaltensweisen, wie die Essstörung.

  • #3

    Mirjam Kettner (Dienstag, 31 Januar 2017 20:24)

    Hallo Nuni, ich denke an dieser Stelle muss man genau differenzieren: Ein Missbrauch z.B. ist eine Straftat und dafür gibt es sehr wohl einen Schuldigen. Da muss ich dir Recht geben. Dennoch führt ein Missbrauch noch nicht zwingend zu einer Essstörung - er mag vielleicht als Auslöser für eine Essstörung dienen. Diesem Auslöser müssen allerdings noch andere Faktoren vorausgehen ... (man nennt diese prädisponierende Faktoren) z.B. Perfektionismus, das entsprechende Umfeld etc.
    Es sollte meiner Meinung nach generell nie darum gehen einen "Schuldigen" zu suchen, sondern jeder Beteiligte (Eltern, Essgestörte, Freund..) sollte sich überlegen, welche Verantwortung er in Verbindung mit der Essstörung zu tragen hat - und seinen Beitrag leisten. Die Esserkrankte konnte sich vermutlich nicht schützen (in meinem Beispiel mit einem Schal etc.) weil sie gar nicht wissen konnte, dass sie anfällig dafür ist. Viele meiner Klientinnen können es selbst kaum begreifen geschweige denn in Worte fassen, warum sie diese Krankheit haben. Ich habe dafür viel Verständnis und versuche ihnen dabei zu helfen, dieses Verständnis auch für sich selbst zu entwickeln.