Essgestörte und ihre Angehörigen - warum sie nur schwer zueinander finden

Wie Fühlt sich eine Essstörung an?

Es ist nicht leicht, den Eltern, Freunden, oder dem Partner zu erklären, wie sich eine Essstörung anfühlt, warum sie einem so viel bedeutet und warum es schwer ist von ihr loszukommen. "Iss doch einfach normal" sind zwar gutgemeinte Ratschläge , zeigen aber den Betroffenen lediglich, nicht verstanden zu werden. Die kleine Geschichte hier, soll aufzeigen, wie Essgestörte fühlen, und warum es so schwer ist, Angehörige und Essgestörte "unter einen Hut" zu bringen.....

Stell dir vor...

du lebst in einem sehr alten, dunklen, kaputten Haus. Die Wände sind verschimmelt, das Dach ist undicht und der Wind pfeift von allen Seiten rein. Natürlich kannst du dir vorstellen in einem schöneren Haus zu leben, aber irgendwie hast du dich daran gewöhnt. Es ist DEIN Zuhause. Du weißt zwar, dass es nicht optimal ist, aber das Haus bietet dir Schutz.


Irgendwann klopft jemand an deine Tür und macht dich darauf aufmerksam, dass dieses Haus schädlich für deine Gesundheit ist. (Was du natürlich schon weißt...) Aber anstatt zu gehen, fordert dein Gast dich auf, aus diesem Haus auszuziehen - am besten sofort! Vielleicht bist du empört über seine Aufdringlichkeit, vielleicht denkst du auch über seine Worte nach. "Und wohin soll ich stattdessen ziehen?" fragst du. Unglücklicherweise kann dir das dein Gast auch nicht sagen, er wollte dich nur darauf aufmerksam machen, dass du hier raus musst, wenn du deine Gesundheit nicht ruinieren möchtest.

Etwas schockiert über seine Handlungsunfähigkeit schätzt du deine Alternativen ab: "Wenn ich hier ausziehe, könnte es gut sein, dass ich ein schöneres Haus finde, nicht so dunkel und kaputt. Es kann aber auch sein, dass ich nichts Neues finde und am Ende mit leeren Händen dastehe. Dann ist mir das alte, kaputte Haus doch lieber. Hier weiß ich, was ich habe"       .................Verständlich, oder???

So ähnlich ergeht es der Essgestörten und ihren Angehörigen. Die Betroffene hat sich mit ihrem Leben mehr oder weniger abgefunden, die Sucht hilft ihr alles zu ertragen. Natürlich ist sie nicht glücklich darüber, sie könnte vieles anführen, was ihr Leben glücklicher machen würde - und dennoch - die Essstörung ist ihr Zuhause. Jetzt kommt der "böse" Angehörige oder Freund vorbei und will sie kurzerhand aus der Sucht hinauswerfen. "Sie ruiniert deine Gesundheit, du machst deine Familie kaputt, denk doch mal an deine Kinder...." 

Als ob ich das nicht schon wüsste", denkt sich die Essgestörte. Entweder die Betroffene blockt an dieser Stelle schon gleich das Gespräch ab, oder sie wird darüber nachdenken, was erfahrungsgemäß nicht beim ersten Gespräch dieser Art passieren wird: "Vielleicht wäre mein Leben wirklich schöner, ohne die Sucht. Aber was ist, wenn ich gar nicht mehr klarkomme mit allem? So schaffe ich wenigstens mein Leben einigermaßen hinzukriegen, aber ohne...? Und da ist mir mein altes Leben (altes Haus) doch lieber..."

Für Essgestörte:

Wahrscheinlich weißt du selbst nur zu gut, wie gesundheitsschädlich eine Essstörung auf Dauer sein kann. Aber sie ist dein Zuhause. Sie bietet dir einen gewissen Schutz vor der Außenwelt. Hier bist du der Chef. Hier bestimmst du die Regeln. Und jetzt sollst du dort "ausziehen". Aber wohin?

Deine Meinung ist gefragt....

Hat dir der Artikel weitergeholfen? Wie denkst du darüber? Schreibe einfach....


Mirjam Kettner

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Kommentare: 3
  • #1

    Elke Schmidt (Sonntag, 29 Januar 2017 14:21)

    Sehr geehrte Frau Kettner, ich habe Ihnen bereits eine Pn in Facebook zukommen lassen.....Jetzt hier nochmal meine Bitte, mir diesen Artikel per Mail zukommen zu lassen.....Kann ich Sie auch telefonisch kontaktieren? LG Elke Schmidt

  • #2

    Lala (Sonntag, 29 Januar 2017 16:11)

    Also ganz ehrlich- der vergleich ist ja vielleicht gut gemeint.
    Aber - die angehörigen als "böse@ darzustellen-finde ich nicht im sinne des essgestörten. Welcher angehörige will sehen, dass er als böse abgestempelt wird? Ich selbst bin betroffene. Ich habe viele empfindungen gegenüber "ich weiss qie du leben sollst" menschen. Böse- nein. Unwissend, manchmal nervig, missverstehend sind nur drei davon. Als böse habe ich sie nie gesehen. Und ich denke, so etwas mit ziel der verbesserten kommunikation zu behaupten könnte schwer sein.
    Wieso überhaupt so weit ausholen mit verschimmelten häusern usw? Das ginge doch viel verständlicher oder realitätsnäher- denn ich glaube, das brauchen angehörige- etwas realitätsnahes.

  • #3

    Mirjam Kettner (Dienstag, 31 Januar 2017 20:33)

    Ich habe das Wort "Böse" bewusst in Anführungszeichen gesetzt, weil es natürlich nicht stimmt, das Angehörige böse sind ;-) Viele meiner Klientinnen empfinden Freunde, Eltern etc. allerdings oft als Gegner. Sie haben das Gefühl man wolle ihnen etwas wichtiges wegnehmen. Und das ist das Dilemma an der ganzen Geschichte: Betroffene wollen oft auch aus der Essstörung heraus, haben aber Angst (Gefühle), was da auf sie zukommt.. Angehörige gehen dieses Thema viel rationeller an, eher mit logischen Argumenten (Verstand): "Die Essstörung ruiniert deine Gesundheit"... Wie du sagst, sind Angehörige oft unwissend, aber sie meinen es natürlich gut ....