Eine Essstörung - verlorene Lebensjahre ?

wenn man sein Leben bereut...

 

Als es mir nach und nach etwas besser ging, und meine Lebensfreude zurückkehrte, fing ich an auf die letzten Jahre zurückzuschauen: Wie konnte ich mich überhaupt in eine solch hoffnungslose Lage bringen? Warum habe ich so viele Jahre „sinnlos“ verstreichen lassen, ohne Hilfe anzunehmen? Und schon wieder stellte ich mir die Frage nach dem „Warum?“. Nur diesmal nicht: „Warum sollte ich von der Sucht loskommen?“, sondern „Warum war ich so lange in ihr gefangen?“. Jetzt wo ich spürte, wie schön das Leben sein kann, kamen mir die Jahre in denen ich gedanklich in der Magersucht gefangen war, wie verlorene Jahre vor. Diese Tatsache machte mich wirklich traurig.

 Ich empfand es in der Therapie als sehr hilfreich zu erfahren, dass ich nicht "verrückt" bin, sondern dass es viele Frauen mit Essstörungen gibt. Außerdem brachte mir die Sucht ja auch einen Nutzen, sonst hätte ich mich da nicht hineinbegeben. Es gab also gute Gründe, warum ich die Magersucht benötigte. Die Magersucht war also gewissermaßen für mich ein "Rettungsring" -  etwas, woran ich mich klammern konnte, als ich glaubte zu ertrinken. Doch nun bin ich wieder sicher "auf dem Land" angekommen. Ich brauche die Essstörung nicht mehr. Dennoch bin ich ihr dankbar, dass sie mich in den "verlorenen Jahren" gerettet hat.

 Und so mag es vielen Betroffenen auch ergehen: Gefühle der Trauer über die verlorene Zeit mögen hochkommen. Schließlich hat man etwas verloren, was unwiederbringlich weg ist. Doch allzu hart mit sich ins Gericht zu gehen, bringt diese Jahre nicht zurück und verstellt einem sogar erneut den Blick, für das, was JETZT da ist.

 

 Ich selbst habe mich oft gefragt, ob es nicht schöner gewesen wäre, wenn ich nie magersüchtig geworden wäre. Diese Frage kann ich natürlich nicht beantworten. Doch ich bereue nicht, dass es mir passiert ist. Es hat mir den Blick für mich selbst geschärft -  ich hatte die Möglichkeit, mich besser kennenzulernen. Meine Antennen für mein eigenes Wohlbefinden schlagen aufgrund meiner Therapie viel früher an, als dies bei so manch anderem der Fall ist. Ich sehe die Sucht als eine Chance an, das eigene Leben zu überdenken und in neue Bahnen zu führen.

 

Wie denkst du darüber?

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Mirjam Kettner


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